Physiotherapie für Pferde

Die Physiotherapie für Pferde hat in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Ich selber erachte sie für sehr sinnvoll und lasse meinen Talli daher regelmäßig checken. Immer spätestens dann wenn ich das Gefühl habe, das er irgendwie nicht ‘rund’ läuft.

Daher war Petra Stegmüller von Hände-bewegen-Pferde mal wieder zu Besuch. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, wie sehr die Pferde diese Massage und Behandlung genießen. Einige Male dachte ich Talli schläft gleich ein und fällt um.

Im Sport gehört Physiotherapie schon lange zur Standardbehandlung in der Prävention, aber auch in der Behandlung nach Erkrankungen. Kein Leistungssportler, Fußballverein oder Pferdeprofi ist heute ohne physiotherapeutische Betreuung unterwegs. Doch macht das auch für das Wald und Wiesenpferd Sinn? Ich habe die Chance ergiffen und Petra nach ihren Erfahrungen und ihrer Meinung gefragt.

Micha:
Wieso machst du Physiotherapie für Pferde und wie bist du dazu gekommen?

Petra:
Mir ging, wie es vielen alternativen Therapeuten geht. Ich hatte ein Pferd, welches unreitbar war, nur gebockt hat und bei dem die Schulmedizin nichts finden konnte. Mein Gefühl und meine Erfahrung als Trainerin sagte mir, dass da irgendetwas nicht stimmen kann, da ich der Meinung war, dass das Pferde weder bösartig noch unwillig ist. In einer Zeitung habe ich dann zufällig ein Inserat entdeckt und das hat meine Aufmerksamkeit erregt. So bin ich zu der Ausbidlung gekommen und das hat mich wirklich fasziniert. Das Pferd hatte am Ende eine Entzündung im Lendenwirbelbereich, die dann natürlich auch auf die Sattellage und in die Beine ausgestrahlt hat. Da ich total begeistert von den Möglichkeiten war, bin ich dann dabei geblieben und habe die Physiotherapie in mein Angebot aufgenommen.

Micha:
Wo ordnest du die Physiotherapie für Pferde ein?

Petra:
Ich sehe die Physiotherapie in erster Linie als präventive Maßnahme an. Genau wie der Sattler, der Hufschmied oder der Zahnarzt, sollte auch der Physiotherapeut regelmäßig zu Rate gezogen werden. Ideal dafür sehe ich den Frühjahr und den Herbst an, also bevor die Arbeit mit dem Pferd wieder mehr oder weniger wird, was ja meistens in diesen Zeiten der Fall ist.

Micha:
Wieso sollten Pferdebesitzer ihre Pferde regelmäßig beim Physiotherapeuten vorstellen?

Petra:
Bei einer regelmäßigen Behandlung entstehen viele Probleme erst gar nicht oder werden zumindest nicht so gravierend, dass sie in wirkliche Erkankungen münden. Ein guter Physiotherapeut kann Hinweise zu Schwachstellen des Pferdes geben und dem Besitzer und Reiter helfen, das Training zu optimieren. So können Defizite ausgeglichen und weitere Probleme vermieden werden.

Micha:
Ab welchem Alter empfiehlst du Physiotherapie für Pferde?

Petra:
Optimalerweise wäre dies schon vor dem ersten Anreiten. Auch bei jungen Pferden gibt es sehr oft Unstimmigkeiten im Bewegungsapparat. Diese entstehen nicht nur durchs Reiten sondern können ebenso gut durch Wälzen oder Herumtoben entstehen. Überlege dir nur mal, dass du dich auch beim Schlafen verlegen kannst. Genauso geht es unseren Pferden. Mit einer Behandlung, bereits vor der ersten Belastung durch den Reiter, kann das Pferd dann ohne Probleme in die Ausbildung starten.

Micha:
Was sollte ein guter Physiotherapeut leisten können?

Petra:
In erster Linie sollte er natürlich sein Handwerk beherrschen, das ist die Anatomie des Bewegungsapparates. Die Kentnisse über die Zusammenhänge der Muskulatur und des Skeletts sind hierbei entscheidend. Jedoch sollte er eben auch Grundkenntnisse über Hufbeschlag, Hufstellung, Sättel, Fütterung und Training haben. Nicht jedes Problem kommt aus dem Bewegungsapparat, häufig spielen auch andere Faktoren ein wichtige Rolle. Ein unpassender Sattel, falsche Hufstellung oder zu viel Gewicht kann gravierende Probleme verursachen, die dann auch durch eine Physiotherapie nicht behoben werden können. Auch falsches Training spielt hier eine große Rolle. Ich bin daher der Meinung, dass ein guter Physiotherapeut selbst Trainer oder zumindest Reiter sein sollte. Nur so ist er in der Lage, ein Training entsprechend zu beurteilen und die richtigen Tipps zu geben.

Micha:
Wie lange dauert eine Ausbildung zum Physiotherapeuten für Pferde?

Petra:
Also um es mal gleich klar zu sagen, ein 14-Tage-Kurs reicht nicht. Um das Handwerk gut zu lernen ist umfassendes Wissen nötig und das kann man nun mal nicht eben schnell in nem Kurs erlernen. Dazu braucht es in jedem Fall mehrere Monate, wenn nicht Jahre. Und von der praktischen Erfahrung will ich mal gar nicht sprechen. Es ist in jedem Fall ein Beruf, in dem man nie auslernt und der von der Praxis lebt. Ein Online Kurs oder was da heute alles angeboten wird, kann als Schnupperkurs angesehen werden. Der reicht aber keinesfalls, um fundiert und solide Pferde behandeln zu können.

Micha:
Was macht für dich einen guten Physiotherapeuten aus?

Petra:
Er sollte offen und ehrlich auch unangenehme Themen ansprechen wie beispielsweise eine falsche Fütterung, ein falsches Training oder Übergewicht beim Pferd. Auch wenn dies oft unangenehm ist. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht die böse Absicht viele Pferdebesitzer ist, wenn etwas schief läuft. Die meisten wissen es einfach nicht besser. Gerade diese sind dankbar und glücklich darüber, wenn jemand offen und ehrlich mit ihnen spricht. Wichtig ist für mich auch das Vertrauen des Pferdebesitzers.

Micha:
Was siehst du derzeit als Hauptproblem der Pferde an?

Petra:
Übergewicht!! Immer mehr Pferde sind, auf deutsch gesagt, viel zu fett und belasten damit ihren Bewegungsapparat unnötig. Die Faszien verkleben, die Wirbelsäule hängt durch das viele Gewicht durch und es kommt zu gravierenden Folgeschäden. Die Tatsache, dass es ein Buch ‘Zivilisationskrankheiten beim Pferd’ gibt, sagt meiner Meinung nach schon viel aus.

Micha:
Wann sollte deiner Meniung nach in jedem Fall ein Physiotherapeut zu Rate gezogen werden?

Petra:
Spätetens wenn es die ersten Anzeichen von Problemen gibt. Die Hufe werden z. B. nicht mehr gut hergegeben, es sind Knuppel am Rücken erkennbar, die Pferde weichen dem Sattel aus oder sind in der Sattellage empfindlich. Dann ist es dringend nötig, dass ein Physiotherapeut draufschaut. Wer möchte schon, dass sein Pferd beim Reiten Schmerzen hat.

Micha:
Petra, ich danke dir ganz herzlich für deine Ausführungen und kann nur sagen, du sprichst mir aus der Seele. Wenn wir es schaffen, dass die Pferde präventiv behandelt werden und nicht erst dann, wenn es gravierende Probleme gibt, tun wir vieles für die Gesunderhaltung und das Wohlbefinden der von uns so geliebten Tiere.


Weitere Infos findet ihr auch auf der Homepage von Petra

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