Tallisander – ein superbraves Vollblöd :)

Nach mehr als einer Woche will ich euch heut mal wieder mit einer Geschichte erfreuen und euch mal mein Pferd Talli – von dem ihr nun ja schon gelesen habt – vorstellen.

Nachdem ich 2007 mein Springpferd einschläfern lassen musste, begab ich mich auf die Suche nach einem Nachwuchstalent. Als Freund von Reitelefanten war klar – groß muss es auf jeden Fall sein und jung natürlich auch. Ich habe fast all meine Pferde selber ausgebildet und war auch diesmal nicht gewillt, daran etwas zu ändern.

So fuhren wir eines schönen Sonntags ins tiefste Niederbayern um Tallisander – einen Trakehner – Vollblut – Mix – anzukucken. Talli stand dort auf der Fohlenweide und was soll ich sagen – das Bild war super, die Realität sah zwischenzeitlich schon wieder völlig anders aus … riesen Kopf, kleiner Körper, lange Beine, total dürr und gekoppt hat er auch – unförmiger ging es fast nicht und so war mein erster Gedanke- NEIN, NIE IM LEBEN. Doch naja, es kam anders als gedacht und gekauft habe ich ihn dann halt doch. Die Bewegungen waren super und er würde bestimmt ein tolles Dressurpferd werden – Springen war ich ja lange genug geritten und ein Disziplinenwechsel wäre mir gelegen gekommen.

Nachdem er erst 2,5 Jahre alt war, sollte er noch och einge Monate auf der Fohlenweide bleiben.

Am 01.01.2008 haben wir ihn dann zu uns nach Bruckmühl geholt und damit fing für mich eine sehr nervenaufreibende Zeit an. Alles kam anders als gedacht und aus der Dressurpferdekarriere wurde auch nix – aber eines nach dem anderen.

Geschlagene 6 Tage später hatte Talli seine erste heftige Kolik. Nachdem am Stall durch unseren Tierarzt nichts zu machen war, fuhren wir ihn nach Aschheim in die Klinik. Dort kam er an den Schmerztropf und musste mindestens eine Nacht bleiben. Doch bereits in der kommenden Nacht der schockierende Anruf – man konnte ihn so nicht halten. Es gab nur die Möglichkeit ihn zu operieren oder ihn einzuschläfern. Tja was blieb mir übrig und so setzte ich mich mitten in der Nacht ins Auto um wenigstens dabei sein zu können.

Kolikoperationen sind kein Spaß

Ich habe schon viele Koliken erlebt und war auf einiges gefasst aber ein Pferd, das innerhalb kürzester Zeit vom Zustand her so viel schlechter wurde, hatte ich bislang nicht gesehen. Der arme Kleine war klatschnass und hing total in den Seilen. Er konnte vor lauter Schmerzen kaum gehen und so war ich heilfroh, als endlich auch alle Tierärzte da waren und die Operation beginnen konnte.

Nach unendlichen Stunden, die ich neben meinem auf dem Rücken liegenden Pferd im OP verbracht habe, wurde er in den Aufwachraum gebracht. Der Horror nach jeder OP ist die Zeit des Aufwachens, in der man nicht mehr tun kann als zu warten und zu hoffen. Wenn hunderte Kilo Pferd versuchen sich auf Beine zu stellen, die es jedoch aufgrund der Narkose noch nicht tragen und dann ein ums andere Mal wieder umfallen und auf dem Boden oder in der Wand aufschlagen – der Alptraum eines jeden Pferdebesitzers. Diese Aufstehversuche bergen natürlich auch immer die Gefahr, dass die Operationsnarben nicht halten und auf gehen – nach einer Kolik Operation der sichere Tod für das Tier und so kam ich von einem Hoffen und Bangen zum Nächsten.

Glücklicherweise tat Talli alles andere als aufzustehen. Er musste am Ende sogar von den Tierärzten aufgescheucht werden und stand dann doch schon recht stabil auf seinen langen Beinen. So blieb ihm dann nur die lange Bauchnaht und wenigstens keine äußeren Blessuren durch das Aufstehen.

Die folgenden Wochen waren für alle Beteiligten kein wirklicher Spaß. Wochenlange Boxenruhe für ein Pferd, welches frisch von der Fohlenweide kommt und keine Box kennt. Ein neuer Stall mit 50 Pferden, keine Freunde und die Bauchnaht, die täglich versorgt werden musste. Sehr vieles machte uns in dieser Zeit zu schaffen und die Abende im Stall waren lang und kalt.

Nach Wochen dann langsam beginnende Bewegung eines Pferdes, das man selber nicht kennt und das nichts kann. Nach der langen Boxenruhe dem Jungpferd zu vermitteln, dass es bitteschön nur im Schritt neben einem herlaufen soll und keine hektischen oder schnellen Bewegungen machen darf, hat auf jeden Fall was für sich. Dann kam noch dazu, dass man ihn auch nicht mit einem Kumpel irgendwo mal auf ein Paddock stellen konnte – er war neu am Stall und kannte niemanden. Wirklich einfach war diese Phase nicht und den Neustart mit meinem Jungpferdchen hatte ich mir so mal nicht vorgestellt.

Endlich nach ca. 2 Monaten war es dann doch soweit. Wir begannen langsam mit Bodenarbeit und damit, ihn an die Ausrüstung fürs Reiten zu gewöhnen. Lange hat es leider nicht gedauert ehe uns die nächste Kolik einholte. Auch diesmal war eine Behandlung am Stall nicht erfolgreich und so fuhren wir erneut in die Klinik. Erfreulicherweise ging es diesmal ohne OP ab und nach einigen Tagen konnten wir Talli wieder nach Hause holen. Doch auch danach folgte eine Zeit der Rekonvaleszenz und wir begannen langsam wieder von vorne.  

Gedanken darüber wie das weitergehen wird und kann, machte ich mir viele. Irgendwie kam mir Talli auch nicht so vor, wie ich das von einem 3-jährigen Pferd erwartet hätte. Er war immer in sich gekehrt, explodierte nicht und lies fast alles ohne Probleme über sich ergehen. Man hatte immer den Eindruck, dass er etwas träge und unmotiviert ist. Auch die Koliken kamen immer wieder und so machte ich mir dann schon intensiv Gedanken, woher das wohl kommen könnte.

Magengeschwüre – oft unterschätzt

Unser Stallbetreiber hatte schließlich eine Idee. Er hatte in einer Fachzeitschrift gelesen, dass viele Pferde unter Magengeschwüren leiden und dass es ihnen mit einem Säureblocker besser geht. Der Artikel brachte auch die Magengeschwüre mit dem Koppen in Verdingung und so begann ich zu recherchieren. Ich stieß schnell auf eine Studie der Uni Göppingen, die die These hatte, dass Fohlen durch zu frühes Absetzen von der Mutterstute und zu massive Zufütterung von Kraftfutter Magengeschwüre entwickeln. Da der Verdauungsapparat der Fohlen solche Mengen an Zucker nicht verkraftet, kommt es zu Magengeschwüren. Die schmerzhaften Magengeschwüre, möglicherweise gepaart mit Langeweile, führen dazu, dass die Pferde anfangen, nach Erleichterung zu suchen und beginnen zu koppen.

Das erschien mit recht logisch und nachdem in dem Artikel von der Zufütterung von Rennie die Rede war fiel mir zunächst nichts weiter ein als diese in Großpackungen zu kaufen. Und siehe da – Talli fraß die Rennie wie Leckerlis und so war es kein Problem auch große Mengen von 10-20 Stück pro Tag zu füttern. Nach wenigen Tagen hatte ich tatsächlich den Eindruck, dass das Koppen weniger wurde und so fütterte ich über Wochen Rennie ins Pferd rein. 

Natürlich kontaktierte ich auch die Vorbesitzerin, der sehr an dem Pferd gelegen war. Diese versicherte mir, dass es während der ganzen Zeit vorher keinerlei gesundheitliche Probleme gegeben hat. Sie erzählte aber auch, dass es beim Absetzen des Fohlens ein „Unglück“ gegeben habe, von dem sie leider erst viel zu spät erfahren habe. Als sie ihn in die Fohlenaufzucht gegeben hat, habe man Talli – ohne ihr Wissen – wochenlang in eine Einzelbox neben einen alten Wallach eingesperrt. Weitere Fohlen, die dort eigentlich ankommen sollten kamen nie an. Neben der ‚Einzelhaft‘ gab man Talli selbstgemischtes Kraftfutter mit viel Getreide. Zu dieser Zeit begann er dann auch zu koppen.

Diese Geschichte erzählte sie mir, ohne dass ich ihr von meinem Verdacht der Magengeschwüre berichtet hatte und sie passte zu 100% zur Annahme der Universität Gießen.

Doch damit nicht genug – im August kam es erneut zu einer schweren Kolik, die wieder einen Klinikaufenthalt nach sich zog. Nach zwei Tagen war auch hier klar, dass es ohne eine erneute Operation nicht gehen wird – die zweite innerhalb eines Jahres. Die Entscheidung war in diesem Fall nicht so schnell getroffen wie im Januar, kannte ich doch die Risiken und auch die Kosten, die auf mich zukamen. Zudem auch die Frage, wie das alles überhaupt weitergehen würde. Solche Entscheidungen will kein Mensch treffen, schon gleich gar nicht mitten in der Nacht, aus dem Tiefschlaf gerissen. Tja und wie ihr euch denken könnt – ich bin erneut nach Aschheim gefahren, um bei der OP dabei zu sein.

Noch im OP äußerte ich meinen Verdacht hinsichtlich der Magengeschwüre und vereinbarte, dass wir vor der Entlassung eine Gastroskopie machen würden. Diese bestätigte den unseren Verdacht und eine mehrwöchige Behandlung mit Gastrogard begann.

Damit besserte sich sein Zustand zusehends und im Anschuss setzte ich die Behandlung mit Pronutrin fort.

Nach der Vollständigen Genesung von seiner OP, begann ich im Herbst 2008 ihn regelmäßig zu reiten und auszubilden. Leichte Koliken begleiteten uns immer wieder und die Behandlung und Prävention stellte uns ständig vor neue Herausforderungen. Behandlungen durch Osteopathen, Physiotherapeuten, homöopathische Mittel, Bachblüten und die präventive Gabe von Unmengen an Colosan haben uns über Monate und Jahre begleitet.

Eine erneute Kolik im Januar 2009, deren Ursache in einer zu langen Zeit ohne Futter begründet gewesen sein dürfte, war dann nochmal ein Schreck. In der Folge konnte ich ihn über mehrere Jahre mit Pronutrin stabil halten.

2010 wechselten wir vom Stall mit 50 Pferden in unseren Privatstall mit nur 7 Tieren und ohne ständigen Wechsel innerhalb der Herde. Es kam dann trotz der vorbeugenden Magengeschwürbehandlung noch zu zwei schweren Koliken und einem Klinkaufenthalt nach einer Verlegung des Milz-Nieren Bandes. Seither ist glücklicherweise weitgehend alles gut.

Kein Schaden ohne Nutzen

Ich habe während der ganzen Zeit sehr viel lernen müssen und auch gelernt. Als erstes habe ich eine Woche lang ein Praktikum in der Pferdeklink gemacht – ich wollte wissen was da vor sich geht und auch für künftige Fälle gerüstet sein. Nach all den Erfahrungen und Fragen die mir im Kopf rumschwirrten, begann ich 2011 eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin. 4 Jahre lang habe alles rund um die Medizin studiert, ehe ich mein Dipolm abgelegt habe. Heute bin ich froh um die Erfahrungen, auch wenn sie mich viele Nerven und viel Kraft gekostet haben – ich habe viel gelernt und ohne diese ganzen Probleme hätte ich sicherlich die Tierheilpraktikerausbildung nicht in Angriff genommen.

2020 haben wir unseren Stall komplett auf einen Bewegungsstallhaltung umgestellt und seither nahezu keine Probleme mehr. Talli ist ein verlässlicher Freizeitpartner, der einen starken Reiter braucht. Alles was ihm nicht passt bockt er weg und wenn er mal galoppiert, galoppiert er – wer soll ihn schon bremsen. Am Boden ist er super brav und umgänglich aber wehe, wenn er losgelassen – Vollblöd eben ?

4 Replies to “Tallisander – ein superbraves Vollblöd :)”

  1. Das war eine Schlimme Zeit das habe ich haut nah mitbekommen ich muss sagen Hut ab von der Micha sie hat da eine schlimme Zeit durchgemacht und sie hat nie aufgegeben und mich freut es um so mehr das es im Jetzt gut geht .

    1. Ja Christian, das stimmt. Ich bin auch froh und dankbar das wir alles überstanden haben und er grad wirklich fit ist. Talli ist jetzt 13 Jahre alt und kein Mensch hätte gedacht, dass er überhaupt mal 10 Jahre alt wird. Langsam wird er a bisserl grau im Gesicht aber bei seinen ganzen Erkrankungen und seiner Geschichte ist das erlaubt 🙂 Ich hoffe, dass wir noch einige gute Jahre haben und er sich weiterhin wohl fühlt und es ihm gut geht.

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