Notfallübung statt Wanderritt

Wie angekündigt wollte ich euch diese Woche eigentlich von einem tollen und erfahrungsreichen Wanderritt berichten. Erfahrungen haben wir gesammelt, allerdings anders als wir das ursprünglich geplant hatten …

Aber mal von Beginn an – natürlich war in den Tagen vor unserem Ritt mal wieder die Hölle los und wirklich Zeit zu packen war nicht. Aber ich bin ja geübt und was braucht es schon für eine einzige Nacht. Also am geplanten Abrittmorgen mal noch alles Wichtige zusammengesucht – zum Glück war meine Packtasche ausreichend groß, so dass ich nicht erst noch Tricks und Kniffs anwenden musste, um alles unterzubringen.

Aber was braucht es für so einen Ritt – erst mal Waschzeug wie Zahnbürste, Zahnpasta, ein Handtuch, Kamm oder Bürste, Deo und Duschgel. Dann Wechselklamotten – man will ja abends nicht unbedingt in den stinkigen Reitsachen zum Gasthof gehen – und natürlich andere Schuhe. Irgendwie habe ich auch alles untergebracht und dann die Sachen für das Pferd zusammengesucht – das war zum Glück ebenfalls schnell erledigt – Strick, Stallhalfter, Hufkratzer, Putzzeug, ein paar Leckerlis und fertig war das Reitgepäck.

Nachdem wir unsere Packtaschen mit einigen Kniffs verstaut hatten, gab es schon vor dem Abritt den ersten Zwischenfall. Talli hat sich mit seinem Vorderbein im Anbindestrick verfangen – fragt mich nicht wie das gegangen ist. In jedem Fall hing er mit dem Fuß in der Luft über dem Strick und wie es immer ist – sowohl der Panikhaken als auch das Stallhalfer haben das Gewicht von 700 kg Pferd ausgehalten. Auch wenn sonst ständig irgendwas kaputt ist – wenn es kaputt gehen soll, hält es dann doch und es blieb nix anderes übrig, als den Strick durchzuschneiden.

Der ein oder andere fragt sich jetzt sicher, warum ich den Panikhaken nicht ausgelöst habe – tja aus Fehlern wird man klug. Das hab ich einmal in meinem Leben gemacht und es hat mir 6 Wochen eine Schiene am Daumengelenk beschert. Unter Zug schnalzt die Schnalle mächtig zurück und wenn die auf die Hand schlägt, ist so ein Gelenk schnell kaputt oder der Knochen durch – also Finger weg vom Panikhaken wenn dieser unter Spannung steht und nicht von selbst auslöst.
Irgendwann waren wir endlich startklar und konnten uns in die Sättel schwingen.

Los geht’s

So starteten wir, nach einem kurzen Schrecken, mehr oder weniger pünktlich, um elf Uhr in Richtung Dinkelsbühl – Lohe. Dort wollten wir an der Wanderreitstation einen Zwischenstopp einlegen und die Pferde versorgen. Das Wetter hatte sich nicht ganz an unsere Wünsche angepasste, es stürmte wie wild aber immerhin hatte es keine 35 Grad. Die Wahl der Reitklamotten war dann aber doch nicht so ganz einfach und meine lange Steppjacke war fast zu warm – aber am Ende war ich heilfroh, dass ich sie angezogen hab.

Zunächst bewegten wir uns noch in bekanntem Gelände, doch irgendwie waren wir trotzdem auf Ratschtempo und recht langsam unterwegs. So haben wir für die ersten 7 km schon mal knapp eine Stunde gebraucht. Da wir etwa 35 km vor uns hatten, mussten wir mal einen Zahn zulegen. An der Wörnitz entlang in Richtung Dinkelsbühl ging das auch recht gut – wenn da nicht unerwartet ein Graben in meinen Weg gesprungen wäre.

Wir galoppierten fröhlich am Wegrand entlang – glücklicherweise in sehr moderatem Tempo – als sich mehr oder weniger der Grünstreifen vor mir auftat. Leider war der Graben, der direkt neben dem Weg begann, komplett mit Gras überwachsen. So wurde mir erst klar was passieren wird, als Talli mit den Vorderbeinen schon in der Luft war und ich keine Chance mehr hatte zu reagieren. Ehe ich mich versah, war mein Pferd unter mir weg und ich flog in hohem Bogen auf den Schotter und überschlug mich. Nach einigen Minuten hatte ich mich einigermaßen gefangen und beschlossen, dass ohnmächtig werden keine Option ist, auch wenn mir das Blut aus dem Gesicht läuft. Becka hatte sich mit den beiden Pferden in gewissem Sicherheitsabstand gebracht, so dass ich erst mal überlegen konnte, was mir eigentlich fehlt und wo es überall blutet.

Glücklicherweise kam aus dem nahe gelegenen Ort eine sehr aufmerksame Reiterin, die wir kurz zuvor noch überholt hatten, als sie mit ihrem Hund unterwegs war. Ihr war aufgefallen, dass Becka mit den Pferden auf dem Weg stand und hatte gemutmaßt, dass etwas nicht stimmen könnte. Ihr vertrauten wir die Pferde an, so dass wir überlegen konnten, wie es mit unserem geplanten Ritt weitergehen soll. Ich sah aus wie nach einem Boxkampf und meine gesamte rechte Gesichtsseite war voll Blut. Aber wie immer, war aufgeben erstmal keine wirkliche Option, zumal wir uns so auf den Ritt gefreut hatten. Meine Hose hatte ein Loch, aus meiner Steppjacke quoll an der Schulter die Füllung – für Fasching oder Halloween hätte man sich nicht schöner schminken können. Nach einigen Minuten wagte ich mich dann doch mal auf die Beine und war wirklich froh, dass ich nicht gleich wieder umgefallen bin. Zum Glück war Talli heil und hatte den Sturz unbeschadet überstanden.

Wie geht es weiter

Die Frage war was tun – uns und die Pferde abholen lassen, heimreiten oder weiterreiten … tja hier war mal wieder die Sache mit dem Wunsch und dem Verstand – logisch gedacht, hätten wir keinen Meter mehr reiten dürfen, ich hätte sofort zum Arzt sollen und die Pferde heim. Doch wer braucht schon Logik, wenn es auch Abenteuer gibt – also erstmal weiter. Nach einiger Zeit zu Fuß, was aufgrund eines stark geprellten Zehs doch eher mäßig ging, schwangen wir uns kurz vor Larrieden wieder in den Sattel und ritten weiter Richtung Dinkelsbühl – Lohe.


Wunderschön wäre es eigentlich dort entlang der Wörnitz wenn nicht jede Wiese mit unübersichtlichen Gräben durchzogen wäre. So blieb uns nicht viel übrig, als uns entlang der Straße zu orientieren. Nach einiger Zeit wagten wir auch wieder zu traben doch dies ging nach meinem Stutz nicht so richtig toll. So trotteten wir nahezu nur im Schritt weitere 15 km bis Dinkelsbühl – Lohe, wo wir nach etwa 4 Stunden endlich ankamen. Dafür, dass wir mit einer Gesamtreitzeit von ca. 4-5 Stunden gerechnet hatten, waren wir noch nicht sonderlich weit gekommen, weitere 15 km lagen noch vor uns.

Erste Hilfe – weit gefehlt

Nachdem wir die Pferde gut in Boxen untergebracht und versorgt hatten, erkundigte ich mich nach einem Spiegel und einem Waschbecken, um meine Verletzungen selbst begutachten zu können. Meine gesamte Gesichtshälfte war blutverschmiert und das Ohr verkrustet. Nachdem ich die Verletzungen grob gesäubert hatte, musste ich mich erst mal sammeln und bei einem Glas Wasser über das weitere Vorgehen entscheiden. Sorge bereiten mir weniger die offen, sichtbaren Verletzungen als vielmehr die Problematik, dass sich in meinem Ohr immer wieder frisches Blut ansammelte, von dem ich nicht sagen konnte, woher dies stammte. Glücklicherweise wohnt meine Einstellerin um die Ecke und kam auch recht schnell mit Klammerpflastern und Wattetupfern. Damit konnte ich meine Vermutung leider nur bestätigen – irgendwo in meinem Gehörgang blutete es und das bereits seit drei Stunden. Das war für mich dann der Auslöser, einen HNO Arzt aufzusuchen. Wer mich kennt weiß, dass ich kein besonderer Freund von Ärzten und Krankenhäusern bin und dort nur erschiene, wenn ich wirklich keine anders Lösung sehe. Also auf nach Dinkelsbühl zum Arzt – dieser war natürlich im Urlaub und so blieb eigentlich nur das Krankenhaus. Davon war ich alles andere als begeistert, denn mit deren Fachkompetenz hatte ich erst im vergangenen Jahr Bekanntschaft gemacht und wenn es um eine Ohrverletzung ging traute ich denen noch weniger zu, als bei einer Mittelfußverletzung. Glücklicherweise fanden wir in Crailsheim einen HNO, der bis 18 Uhr geöffnet hatte und fuhren ohne große Ankündigung dort hin.

Als Notfall kam ich auch nahezu sofort dran und wurde durch die Ärztin gut beraten und betreut. Auch wenn ich fast all ihre Vorhaben hinsichtlich meiner Behandlungen abgewiesen habe, wurde ich sehr gut behandelt.

Was mich wirklich nachdenklich stimmt ist das Verhalten all derer, denen wir nach dem Unfall auf unserem Ritt begegnet sind … außer der jungen Frau mit dem Hund, hat uns niemand angesprochen oder Hilfe angeboten. Wir sind durch mehrere Orte geritten, an der Bundesstraße entlang gekommen und haben auch einige Spaziergänger getroffen – außer seltsamen Blicken – nichts. Wenn ich mir überlege, dass ich irgendwo einen Reiter blutverschmiert sehe, würde ich zumindest meine Hilfe anbieten.

Pferde verladen und heim geht es

Nach dem Arztbesuch fuhren wir dann zurück zum Stall, um die Pferde abzuholen. Meine Mam und meine Schwester waren bereits mit dem Anhänger unterwegs. Doch da waren sie wieder meine Probleme – zuletzt hatte Talli sich beharrlich geweigert in einen Hänger zu steigen, egal was ich auch versucht habe und dabei ist er jahrelang problemlos gefahren. Die Ursache für dieses Verhalten ist mir absolut rätselhaft, aber so war es nun mal. Glücklicherweise stieg Lotte sofort ein und ich glaube Talli wollte auch einfach nur noch heim, so dass er flotten Schrittes auf den Hänger marschiert ist.


Zufrieden, nur teils glücklich und ich ziemlich lädiert kamen wir dann abends zurück an den Stall. Nach einer Runde Pizza für alle, wollte ich dann auch nur noch ins Bett, wo ich die folgenden 3 Tage fast ausschließlich verbracht habe 🙂

So ist aus unserem Wanderritt eine Notfallübung geworden, bei der alles hervorragend geklappt hat und alles wunderbar zusammen geholfen haben. Es hat uns den Wert einer gut funktionierenden Stallgemeinschaft wieder mal deutlich vor Augen geführt. Auch wenn aus unserem Wanderritt nichts geworden ist, eine Erfahrung war es trotzdem 🙂

Fazit des Tages

– Stürze im Gelände sind nicht ohne, Schotter tut böse weh
– ein Helm ist doch kein Schaden
– lange Kleider halten viel ab
– Pferde die in jeder Situation brav sind
– sind Gold wert
– Freunde sind die beste Hilfe
– gute Ärzte sind gute Helfer
– wer Hilfe braucht, muss Menschen ansprechen
– die Wirkung von natürlichen Heilmitteln und Vitalstoffen ist senationell 🙂

2 Replies to “Notfallübung statt Wanderritt”

  1. Tja, das ist amüsant geschrieben, aber eigentlich zeigt es, dass auch ein wanderritt geplant gehört. Wir reiten in fremden Gebiet immer nach Karte und auf wegen. Wenn du die Strecke so planst, mußt du auch nicht an der Bundesstraße entlang reiten. In die Richtung muß man sie nur einmal überqueren. Ich finde es immer schade, wenn Mensch und Tier durch Fehler lernen müssen, hätte auch für das Pferd blöd ausgehen können(autobahn).
    Nix für ungut und gute Besserung!

    1. Ja lieber Peter, da hast du sicherlich recht. Zum Glück waren unsere Ritte entlang der Straße sehr überschaubar und nur über kurze Strecken. Karte hatten wir zum Glück natürlich auch dabei und die Strecke ist ja auf weiten Teilen bekannt … aber es hat sich doch gezeigt, dass etwas mehr Planung nicht das allerschlechteste gewesen wäre 😉

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